Creepypastas

Künstliche Erinnerung [German Creepypasta]

Bahnbrechend! Revolutionär! Unbegreiflich! Die fülle an positiven Begrifflichkeiten prasselten nur so auf unsere kleine Einrichtung hier ein. Wir hatten es geschafft und endlich die Aufmerksamkeit bekommen, die wir verdienten. Unser Forschungsprojekt, mit uns meine ich ein unser kleines dreiköpfiges Team, bestehend aus mir, meinem Kumpel Kenny und dessen Frau Jessica, befasste sich schon seit einiger Zeit mit dem Thema: Lebendige Erinnerungen.

Begonnen hatte alles in unserer Schulzeit. Damals stellte ich mir und Kenny die goldene Frage. Wenn man Erinnerungen projizieren könnte und dieser Projektion eine nach den vorgaben vorprogrammierte aber lernfähige KI verpassen würde, könnte diese ein Eigenleben entwickeln? Oder wäre sie so stark an den programmierten Gegebenheiten gebunden, dass man ihr eine Art von Charakter zuschreiben könnte?
Damals war es für uns einfach nur Brainfuck. Eine Idee. Doch noch während unseres Studiums kam Kenny zu mir mit dem Vorschlag, meine Gedanken diesbezüglich genauer anzugehen.
Nach einer äußerst intensiven Gesprächsrunde war es klar. Wir werden in die Richtung forschen.
Mit bei den Gesprächen war auch Kennys Frau, damals noch Verlobte. Sie studierte Neurowissenschaften und war von der Sekunde an begeistert von dem Thema, als Kenny ihr das erste Mal davon erzählte. Sie war es auch, die ihm den Anstoß gegeben hatte, dieses Thema wieder aufzugreifen. Jessica ging mit sehr viel Elan an die Sache heran. Sie kam aus guten Verhältnissen und finanzierte kurzerhand alles, was wir benötigten. Die Räumlichkeiten und die Gerätschaften mussten ein vermögen gekostet haben. Doch dank des Geldflusses kam unser Projekt zügig voran. Bereits einen Monat später hatten wir erste Erfolge zu verzeichnen. Wir hatten es geschafft ein Bild von einer Erinnerung grafisch darzustellen. Es war ein Bild von Kennys Mutter. Ich hatte sie mal kennenlernen dürfen, aber ihr Verhältnis schien oft schwierig und angespannt. Sie starb vor etwa 4 Jahren und Kennys Erinnerungen an sie waren schon irgendwie schwammig. Das ließ ihr Abbild, welches wir da auf dem Monitor sahen, schauderhaft wirken. Kenny nahm die Unterschiede scheinbar gar nicht wahr. Für ihn war dieses Bild seine Mutter. Für mich und Jessica wirkte es eher wie ein Monster.
Wir testeten das auch mit uns und stellten fest, dass es immer das gleiche war. Nur der, der die Erinnerung schuf, sah sie so wie sie für ihn war. Außenstehende hingegen, mussten sich mit den vom Gehirn unverfälschten Bildern abfinden.
Es war interessant zu sehen, wie sehr sich die Realitäten im Auge des Betrachters unterschieden.
Wir experimentierten weiter, während unser Hauptaugenmerk jedoch auf die Programmierung einer KI gerichtet war. Eine KI für Kennys Mutter. Ich weiß es war makaber, aber da es aus mir unklaren Gründen Kennys Wunsch war und ich seine Mutter auch noch kannte und somit zusätzlich einen Abgleich bieten konnte, willigte ich ein.
Jessica brauchten wir nicht zu überzeugen. Sie wollte eh vorankommen. Während sie Kenny an die Maschine anschloss, um seine Erinnerungen zu erfassen, gab ich ihm Befehle, woran er zu denken hatte. An ihre Gangart, ihre Art zu Lachen und so weiter. Jessica unterbrach versehentlich die Sitzung als ihr eine Frage ins Gehirn schoss und sie schon fast panisch mit der Tatsache herausplatzte, das sie und Kenny ja noch überhaupt kein Kostüm für Halloween besaßen und dieses schaurig schöne Fest ja auch nur noch einige Tage entfernt war. Kenny zuckte zusammen. Doch nicht vor Schreck. Irgendwas anderes machte ihm zu schaffen, dass konnte man ihm ansehen. Kaltschweißig bat er darum abzubrechen. Da wir ohnehin durch waren, war dies kein Problem. Er riss sich sämtliche Kabel ab und verschwand an die frische Luft, wo er sich zitternd eine Zigarette anzündete. Ich wollte ihn fragen was los war, aber er blockte ab. Wollte nicht drüber reden. Bad Feelings, sagte er nur.

Nachdem alle Daten von einem eigens dafür entwickeltem Programm ausgewertet waren, erstellte dieses ein 3d Modell im Computer, der alle Bewegung und Verhaltensmuster perfekt kopierte. Wir änderten das Bild ein wenig, und glichen es mit echten Fotos von ihr ab, und fügten dem ganzen noch die Tonfrequenzen aus Videos mit Kennys Mom bei.
Nun kam der spannendste Teil.
Wir koppelten die programmierte Ki samt Stimmcode an das virtuelle 3d Model.
Und es lief.
Auf dem Bildschirm erschien Kennys Mutter.
Sie stand da und schaute sich in dem vorprogrammiertem Raum um, in dem sie sich befand. Ihre Bewegungen, die Art und Weise wie sie die Dinge berührte und untersuchte ließen mir und Kenny das Blut in den Adern gefrieren. Es war, als wäre sie wirklich da. Selbst ihr erschrockener kurzer Aufschrei, den sie von sich gab, als wir einen neuen Gegenstand in ihrem virtuellen Raum aufploppen ließen, wäre von ihr zu Lebzeiten genau so denkbar gewesen.
Es war einfach faszinierend.

In den folgenden Tagen hatten wir zwar sehr viel mit der Pressearbeit zu tun, jedoch hatte sich Jessica eine ganz besondere Überraschung für ihren geliebten ausgedacht, bei der ich ihr mit Freuden half. Aus meinen Erinnerungen erstellten wir ein virtuelles jüngeres Abbild von Kenny. Das Geschenk sollte sein, die beiden künstlichen Modelle an Halloween zusammenzuführen, damit diese gemeinsam Feiern und Süßigkeiten futtern konnten, so wie sie es bestimmt früher auch immer getan hatten, als sie noch lebte. Wir programmierten auch eine neue Umgebung, die an ihr altes Haus erinnerte und platzierten virtuelle Kostüme und Halloween Dekorationen dort. Ein paar Spinnenweben, Skelette und Geister, so wie einige Ketten an den Wänden.

In der Halloween Nacht führten wir Kenny dann zu unserem Vorführraum, setzten ihn in den Sessel in der Mitte und starteten das Programm. Kenny verkrampfte und wurde kreidebleich als die ersten Bilder über den Bildschirm flimmerten.
Als sich die Mutter und das Kind in der Simulation sahen, reagierten sie wieder genau so, wie man es vermutet hätte. Sie unterhielten sich belanglos aber vergnügt. Doch dann sah Kennys Mom sich um und realisierte scheinbar das gerade Halloween war. Sie schaute auf ihre kleine Armbanduhr und wirkte gestresst. „Oh man. Jetzt aber schnell“, sagte sie zu sich selbst und griff zu einer der Masken, die dort von uns hingelegt wurden. Als sie diese aufgesetzt hatte, änderte sich ihr Verhalten grundlegend.
Gefühlskalt ging sie auf ihren virtuellen Sohn zu und packte ihn so fest am Arm, das er entsetzt aufschrie. Ein schneller Schlag mit der flachen Hand in sein Gesicht beendete jedoch abrupt jegliche Gegenwehr. „Du kennst das doch schon!“, fuhr sie ihn an „Bist doch schon ein großer Junge! Meine Freunde werden gleich da sein. Die gleichen die auch letztes Jahr schon da waren. Und ein paar Neue. Du machst es nur schlimmer, je mehr du dich wehrst!“ Mit diesen Worten zog sie ihn hinter sich her und nahm ein paar der Ketten von der Wand. Sie entkleidete ihren Sohn, setzte ihm eine kleine Maske auf und fesselte ihn an die Couch.

Ich war mir sicher, dass DAS die Erinnerungen sein mussten, die ihn neulich so belastet hatten. Sie waren im Programm gelandet. Und während ich und Jessica gebannt und entsetzt auf die virtuelle Frau starrten, die nervös von ihrer Uhr zu der unechten Haustür hin und her schaute, zündete sich der echte Kenny zwischen uns, zitternd eine weitere Zigarette an.

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SebboLabs

Autor, Spieleautor, Erfinder (Freizeit)

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