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Es war einmal…die unbekannten Urfassungen der Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal…die unbekannten Urfassungen der Märchen der Brüder Grimm


Jacob und Wilhelm Grimm trennte nur ein Jahr Altersunterschied. Vielleicht standen sie sich deshalb so nah und verbrachten ihr Leben mehr oder weniger miteinander. Ihren Gerechtigkeitssinn bekamen sie wohl von ihrem Vater, der im heimischen Steinau Amtmann war. Als der Vater stirbt, ziehen die Brüder nach Kassel, um dort auf das Gymnasium zu gehen. Nach Beendigung der Schule gingen beide gemeinsam nach Marburg für ihr Rechtswissenschaftsstudium. Hier begann der interessante Teil der Geschichte der beiden Brüder, die heute weltweit bekannt sind. Sie begannen sich für die deutsche Sprache und Literatur zu interessieren. Zurück in Kassel setzten sie diese Leidenschaft fort und sammelten Märchen, Sagen und Volkslieder. Jacob Grimm arbeitete zu dieser Zeit als Bibliothekar. Der kränkelnde Wilhelm blieb ohne Arbeit. Erst später konnten beide Brüder auch gemeinsam arbeiten – an der Landesbibliothek in Kassel. Als Wilhelm heiratet und Vater von drei Kindern wird, lebt der unverheiratete Bruder weiter mit im Haushalt. Die Brüder lebten bis an ihr Lebensende zusammen. Die beiden wurden sogar Seite an Seite in Berlin begraben.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute…

…trifft auf die Brüder Grimm somit nicht mehr zu. Aber ihr Geist und ihre Schriften leben bis heute weiter. Von 1812 bis 1858 haben sie ihre Märchen herausgegeben. Heute sind sie weltbekannt und ihre Geschichten wurden in 170 Sprachen übersetzt. Ihr Werdegang begann in Kassel. Friedrich Carl von Savigny stellte den Kontakt zwischen seinen beiden ehemaligen Studenten und den romantischen Dichter Clemens Brentano her. Dieser war auf der Suche nach Praktikanten, die ihm bei einer Sammlung volkstümlicher Lieder und Märchen helfen sollten. 1806 nahmen die Brüder Grimm ihre Arbeit für Brentano auf und sammelten fortan Märchen, Sagen und Legenden. Drei Jahre lang schrieben Jacob und Wilhelm Texte aus alten Büchern ab, holten sich die Geschichten von deutschen Literaten, aus französischen Sammelbänden, in der Barockliteratur und sie ließen sich auch mündlich Legenden und Sagen zutragen, die sie dann aufschrieben. Am Ende ihrer Sammelwut interessierte sich Brentano allerdings nicht mehr für das Projekt. Die Grimms waren Literaturfanatiker. Sie liebten die Literatur in all ihren Facetten. In ihnen wuchs die Angst, dass die gesammelten Geschichten verloren gehen könnten und gaben daraufhin selbst eine Anthologie heraus. Das war 1812 in Berlin. Allerdings hatten sie damit wenig Erfolg. Wilhelm begann, die Geschichten zu überarbeiten und machte alles etwas kindgerechter, ließ die Geschichten von seinem Bruder Ludwig Emil illustrieren und strich die wissenschaftlichen Aspekte von Jacob. Heraus kamen die heute bekannten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.

Alles andere als kindgerecht: die Urfassung der Grimmschen Märchen

Märchen kennen wir alle. Sie sind wichtiger Bestandteil unserer Kindheit und noch heute lauschen Kinder unheimlich gern den alten Geschichten, die schon ihre Urgroßeltern kannten. Ursprünglich waren Märchen gar nicht für die Kleinsten von uns gedacht. Sie wurden eher aus Unterhaltungszwecken erdacht und waren nicht selten sehr gruselig, grausam und auch obszön oder erotisch angehaucht. Das, was wir heute unseren Kindern vorlesen, was Hollywood immer wieder verfilmt ist nicht das, was ursprünglich niedergeschrieben wurde. Die Brüder Grimm spielten mit der Angst und der Lust an Gewalt und konnten das in ihren Märchen ausleben. Selbiges galt für Sex und Erotik.

Ein Beispiel: Der Froschkönig
Wir alle kennen das Ende des Froschkönigs: Die Prinzessin küsst den Frosch und er verwandelt sich in einen schönen Prinzen. In der Ursprungsform warf die verzogene Prinzessin den ekligen Frosch aber an die Wand. Daraufhin fiel ein schöner, natürlich lediger Prinz in ihr Bett und die beiden verbrachten direkt mal eine wilde Nacht miteinander. Um es kinderfreundlicher zu gestalten, ließ Wilhelm Grimm das frische Paar erst einmal heiraten. Die heiße Liebesnacht fiel weg und die Erotik schwand.

Die Brüder Grimm wollten familientauglichen Erzählstoff liefern – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Das ist vielleicht auch der Grund dafür, weshalb einige Märchen noch heute ziemlich grausam sind. Dabei denken wir gern an die böse Hexe im Wald, die Kinder im Ofen braten will oder an einen bösen Wolf, der skrupellos eine Oma frisst. In gewisser Form schüren Märchen also dennoch Ängste von Kindern. Aber sie spielen auch mit der Fantasie unserer Kleinsten. Kinder lieben die Weisheiten, die Ideen und die Happy Ends in den Märchen. Das Gute gewinnt über das Böse. Dessen waren sich die Brüder Grimm wohl schon frühzeitig bewusst. Seit der Ersterscheinung wurden die Geschichten immer wieder umgeschrieben, geschönt und entschärft. So wurden zum Beispiel aus bösen Müttern in den Märchen böse Stiefmütter. Im Grunde fremde Frauen, die böse zu den neuen Kindern waren – eine Eigenschaft, die keine leibliche Mutter haben sollte. Aber auch Sex und Erotik spielten in den Urformen der Märchen oft eine große Rolle. Auch das lag an dem eigentlichen Sinn der Märchen als Erwachsenenunterhaltung. So wurde aus Erotik- und Verführungsgeschichten eine harmlose Variante, in der das Paar meist heiratete und „glücklich bis an ihr Lebensende“ zusammenlebte.

Beispiele von Urformen der Grimmschen Märchen
Besonders kleine Mädchen lieben das Märchen von Rapunzel. Ein einsames Mädchen mit wunderschönen langen Haaren verweilt allein in ihrem Turm, bis endlich der prinzenhafte Retter kommt und sie erlöst. Vor über 200 Jahren wurde Rapunzel in der Urform zwar auch heimlich von ihrem Prinzen besucht. Dieser schwängerte sie aber bei der Gelegenheit gleich noch.

Auch Aschenputtel ist ein beliebtes Märchen bei kleinen Mädchen. Findet das geschundene Aschenputtel doch am Ende zu Gerechtigkeit, weil ihr Prinz die rettende Idee hat, der Schuh passt und sie einfach mit auf sein Schloss nimmt. In der Urform picken die Tauben, die Aschenputtel so hilfreich zur Seite standen, den bösen Stiefschwestern aus Rache die Augen aus.

Bei Schneewittchen ging es noch etwas grausamer zu. Der giftige Bissen eines Apfels der Stiefmutter wird in der uns bekannten Form des Märchens einfach von Schneewittchen ausgespuckt, es wird geheiratet und alles ist gut. In der Urform ist Schneewittchen etwas nachtragender. Erst müssen die Diener des Prinzen auf das Mädchen einschlagen, bis das Apfelstück aus ihr herauskommt. Am Ende lässt sie ihre Stiefmutter aus Rache aber so lange in glühenden Schuhen tanzen, bis sie stirbt.

Rotkäppchen ist in der Urform ebenfalls ziemlich brutal. Der Wolf tötet die Großmutter des kleinen Mädchens und setzt das Fleisch dann Rotkäppchen zum Essen vor.

Dornröschen, das Mädchen, das hundert Jahre schlafen musste, bis ein Prinz sie durch seinen Kuss wieder zum Leben erweckte… Auch das ist eine eigentlich schöne Geschichte. Zumindest so, wie wir sie kennen. In der Urform schafft es der Prinz nicht, die schlafende Schönheit zu wecken. Er vergewaltigt das wehrlose Mädchen, sie wird schwanger und bringt – noch schlafend – Kinder zur Welt.  Dornröschen erwacht erst, als eines ihrer Zwillingsmädchen an ihrem Finger saugt und den Giftdorn der Spindel dadurch aus ihrem Finger zieht.

Das waren nur ein paar Beispiele der Ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm. Nur gut, dass diese sich bewusst dafür entschieden haben, die Geschichten kinderfreundlicher zu gestalten. Dennoch sind einige Märchen immernoch ziemlich angsteinflößend. Die Märchen der Brüder Grimm – wohlbemerkt, wie wir sie heute kennen – sollen sogar Schuld an den Gräueltaten der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg gehabt haben. Das behauptete man zumindest in Westdeutschland. Die Märchen sollen in Kindern unterbewusst den Wunsch und die Neigung nach Gewalt erzeugt haben. Die Geschichten wurden zu der Zeit nach dem Krieg sogar zeitweise aus westdeutschen Bibliotheken und Schulen genommen. Wie man sieht, konnten die Brüder Grimm es nicht jedem Recht machen. Fakt ist aber, dass sie ihre Märchen als Erziehungsgeschichten sahen. Schreckliche oder grausame Geschehnisse werden immer ins Positive gelenkt, dienen in erster Linie der Spannung. Vordergründig sind Lehren, die die Kinder aus den Geschichten ziehen können. Aber auch Erwachsene kommen auf ihre Kosten, eben weil es noch Spannung und Aufregung gibt. Verglichen mit den Urformen jedenfalls, sind die Märchen der Brüder Grimm auf jeden Fall in der bekannten Fassung wesentlich kinderfreundlicher.

©SchattenZirkus

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Hallo! Mein Name ist Ali , 22 Jahre alt und wohne in Deutschland. Ich bin der Gründer des SchattenZirkus. Wenn man meinen Charakter beschreiben soll, würde ich sagen : Verrückt oder Psychopathisch. Ich freue mich das ihr hierher gefunden habt.

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